Mein neues Buch: Wildnis wagen! Warum Natur glücklich macht

Wildnis wagen von Ulrike FokkenEinen großen Teil dieses Buch habe ich im Geiste beim Wandern in den Bergen oder SItzen am Fluss geschrieben. Jedes Mal, wenn ich längere Zeit in der Natur war, kamen mir die Ideen für die Geschichten, die ich dann auf Zetteln notierte und zuhause geschrieben habe. Ich habe das erfahren, was vermutlich alle Geistesarbeiter kennen: Die Natur lockt eine völlig unangestrengte Aufmerksamkeit in uns hervor, unser Gehirn entspannt und die Gedanken fließen frei.

Natur macht deswegen nicht nur glücklich, wie der Titel die Thesen meines Buches prägnant zusammenfasst. In der Natur werden wir kreativ, wir lernen Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wir setzen Prioritäten und handeln effizient. Wissen und Wildnis gehören daher  zusammen wie Baum und Borke. Wir lernen in der Wildnis, was wir zum Leben in der Zivilisation brauchen. Und wir lernen, wonach Unternehmen suchen – Menschen mit einem klaren Verstand für kluge Entscheidungen. In der Wildnis mehren wir unser geistiges Potential und stärken damit das Humankapital. Wirtschaft und Wildnis haben daher mehr miteinander gemein, als Unterenhmen in den vergangenen Jahrzehnten bewußt war. Doch kluge Unternehmen denken um, und auch über die neue Bewegung von Business and Biodiversity schreibe ich in meinem Buch “Wildnis wagen!”.

In der Leseprobe können Sie sich eine Meinung bilden. Und wenn Sie das Buch interessiert, bestellen Sie es doch online bei Kohlibri.

Stress in the City: Das Leben in der Stadt bringt Gefühle in Wallung

Menschen haben die meiste Zeit im Wald oder auf der Steppe verbracht. Natürlich nur historisch betrachtet, denn seit kurzem lebt mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Nachdem der Mensch 100.000 Jahre in der Wildnis gelebt hat, verlässt er seit 200 Jahren sein Heim auf dem Land und richtet sich in der Stadt ein. Städte bieten Menschen offensichtlich mehr Nahrung, Geld, Unterkunft, Lebenspartner und andere Vorteile. Ob in China, Peru, Nigeria oder in Deutschland – weltweit ziehen Menschen vom Land in die Städte. Und zwar nicht in irgendwelche, sondern in die ganz großen. Je größer eine Stadt ist, desto anziehender wirkt sie und desto stärker wächst sie. „Das ist eine der dramatischsten Umweltveränderungen, die die Menschen jemals unternommen haben“,  schreibt Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim im Scientific American.

Während der Mensch urban wohnt, scheint seine Seele noch am Lagerfeuer zu sitzen. Städte stressen Menschen und stimulieren die Hirnregionen, die Angstgefühle hervorrufen, haben Meyer-Lindenberg und sein Team herausgefunden. „Gedächtnis und Aufmerksamkeit leiden in einem städtischen Umfeld“, schreibt Meyer-Lindenberg. Städter haben demnach deutlich höhere Risiken, emotional durcheinander zu geraten und eine seelische Krankheit zu bekommen. Da das Gehirn des Städters wegen der Stressfaktoren öfters auf Flucht programmiert sei, hätten Städter ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Schizophrenie.

Kranke werden schneller gesund, wenn sie in die Natur schauen

Aus Erfahrung wissen wir, dass auf dem Land auch eine Menge traurige Menschen leben und auch auf dem Dorf die Leute ziemliche Macken haben. Aber die Natur scheint die Gesundheit des Menschen wohltuend zu beeinflussen. Kranke genesen schneller, wenn sie aus dem Krankenzimmer auf Bäume, einen See oder andere Natur schauen. Mensch und Seele entspannen sich schon, wenn das Auge auf ein Bild mit einer Naturszene blickt. Die Insassen von Gefängnissen sind ruhiger und weniger aggressiv, wenn sie aus der Zelle in die Landschaft sehen. Diese Langzeiterkenntnisse aus zahlreichen Untersuchungen in Krankenhäusern und Gefängnissen haben den amerikanischen Biologen Edward O. Wilson dazu gebracht die Biophilia-Hypothese aufzustellen. Der Mensch sei ein Naturwesen und nur im Bezug zur Natur in der Lage, sich seelisch und körperlich gesund zu entwickeln und zu leben.

Facebook ist das Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts

Immerhin haben sich Städter rund um den Globus über Facebook, Youtube und die anderen Social Media ihre Orte geschaffen, um vom Leben in der Stadt zu erzählen. Denn Geschichten zu erzählen ist ja eine der gesündesten Arten, sich mit dem Hier und Jetzt zu verbinden. Außerdem ist der Mensch auf Geschichten programmiert. Das gesamte Wissen aus Wald und Steppe haben sich die Menschen Jahrtausende lang als Geschichte erzählt. Im 21. Jahrhundert erzählen sich die Leute im Internet wie sie zur Arbeit fahren, was sie zum Mittag essen und welchen Film sie gesehen haben. Wie die amerikanische Autorin Gloria Steinem sagte: „Wir sitzen seit 100.000 Jahren rund um das Lagerfeuer und hören uns die Geschichten von uns allen an – unser Gehirn ist von Erzählungen organisiert und Medien sind das aktuelle Lagerfeuer.”

Rumhängen ist so gefährlich wie rauchen: Warum Geistesarbeiter frei laufen sollten

Die Top-Managerin Nilofer Merchant hat eine Debatte über die Gefahren des Sitzens in den USA losgetreten. „Sitting is the smoking of our generation“, heißt ihr Blog im Harvard Business Review über das Sitzen im Altag. Merchant ist Direktorin eines im Technologieindex Nasdaq gelisteten Unternehmens und frühere Gründerin und Chefin der IT-Firma Rubicon. Der bestimmende Faktor des Arbeitstags sei der Hintern. „Während wir arbeiten, sitzen wir mehr, als dass wir alles andere machen.“

Sitzen oder besser gesagt: körperliche Inaktivität ist eine der Hauptursachen für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Osteoporose, Übergewicht und alle Folgeerkrankungen wie Diabetes. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ausgerechnet, dass die körperliche Inaktivität 5,3 Millionen Todesfälle pro Jahr weltweit verursacht. Damit ist rumhängen so gefährlich wie rauchen, denn laut WHO sterben durch Rauchen genauso viele Menschen wie durch körperliches Nichtstun. Das US-Amerikanische Institut für Krebsforschung hat daher 2011 ein Kampagne unter dem Slogan gestartet: „Sitting is the new smoking.“

Sitzen, liegen und rumlungern macht außerdem den Geist dösig und beengt die Psyche. Mens sana en corpore sane hieß es schon bei den alten Lateinern – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Jeder, der viel denkt und schreibt, weiß, dass körperliche Bewegung das Schreiben und Denken befördert. Schreibblockaden lösen sich beim Gehen, Radfahren und Schwimmen. Den Teilnehmern meiner Schreibkurse empfehle ich deswegen, ab und zu mal aufzustehen und sich zu bewegen. Wenn es hakt, sowieso, denn es bringt ja gar nichts, mental blockiert auf den Bildschirm zu starren.

IT-Managerin Nilofer Merchant hält Meetings mittlerweile im Gehen ab. Anstatt, dass sie sich mit Geschäftspartnern oder Mitarbeitern am Konferenztisch niederlässt, geht sie draußen mit ihnen spazieren. Frische Luft und das Sein in der Natur sind genauso wichtig wie die Bewegung selbst, wie der amerikanische Journalist Richard Louv in seinem hervoragenden Buch „Last Child in the Woods“ zeigt. Wobei ich Natur in diesem Zusammenhang nicht so eng fasse, denn für Auge, Nase, Ohren und die anderen Sinne reicht schon ein Park aus. Grünanlage heißt das gern in deutschen Städten und auch wenn man sich durch bürokratisch gehegte Stadtnatur bewegt, wirken Bäume, Sträucher, Eichhörnchen und Kohlmeise wohltuend auf die Seele des Büroarbeiters. „Sie werden überrascht sein wie frische Luft, frisches Denken befördert“, schreibt Nilofer Merchant. Und ich hoffe, dass die jüngste Entdeckung des amerikanischen Managements auch den Weg in deutsche Unternehmen findet.

Von Yeti und Wildschwein – auf Spurensuche in der Sierra Nevada

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Sierra Nevada in Andalusien bietet selbst im Winter nicht immer das was ihr Name verspricht: Schnee. In diesen Tagen jedoch liegt der Schnee selbst noch auf niedrigen 1.300 Metern Höhe, die Sierra ist ab 1.800 ist vollständig mit Schnee bedeckt. Eine wunderbare Gelegenheit also, um Spuren zu suchen. Und siehe da, alle sind sie unterwegs. Als erstes finde ich handtellergroße Abdrücke mit fünf enormen Zehen. Das muss ein Riesentier sein. Was für ein Glück ich habe, gleich so eine tolle Spur zu finden. Wölfe gibt es hier nicht, Bären auch nicht. Also ein exotischer Einwanderer?

Ich verlasse meinen Standpunkt, nähere mich einem Abdruck, betrachte ihn genauer, besehe mir den nächsten, stehe wieder auf und bekomme eine Ahnung. Es ist immer hilfreich den Blickwinkel zu verlassen. Ich schaue noch einmal stehend. Vor meinem Auge entzerren sich die Riesenabdrücke und bekommen eine klare Form. Aus den fünf großen Zehen werden Schalen, ich sehe die Konturen und sehe die Einzelteile. Ich messe: Sieben Zentimeter breit, zehn Zentimeter lang. Der nächste Abdruck ist genauso lang und acht Zentimeter breit. 70 Zentimeter, 71 Zentimeter liegen zwischen den Abdrücken in Laufrichtung. Und damit ist klar, dass kein afrikanisches Riesenbeuteltier über das schmale Mittelmeer einwanderte oder ein vergessener Yeti von den Höhen der Sierra Nevada abgestiegen ist. Ein Wildschwein ist hier friedlich längs getrottet und unter den niedrigen Steineichen verschwunden.

Der Widderkopf war dagegen einfach. Vor dem Schnee habe ich ihn im Laub gefunden, etwas weiter entfernt lag auch das Rückgrat. Alle Zähne waren im Gebiss, die Hörner nur ein wenig abgestoßen, insgesamt hatte der Schädel nur leichte Gebrauchsspuren. Toll. Aber wie bekomme ich den in den Rucksack? Schließlich hatte ich noch mindestens drei Stunden Fußweg vor mir. Also habe ich den Kopf liegengelassen. Es freut sich bestimmt noch jemand anderes daran. Wenn es nicht der Yeti ist, dann hat ein Wildschwein noch Spaß an dem Kopf.

Im Zug von Lima über die Anden

Von der peruanischen Hauptstadt Lima zum ehemals höchsten Bahnhof der Welt auf 4.798 Metern sind es gerade mal 171 Kilometer. Jedes Jahr, wenn die Regenzeit des Sommers endet und die Anden passierbar sind, fährt ein Zug von Lima über den Gipfel nach Huancayo. Eine atemberaubende Fahrt durch die Flussoasen entlang des Rimac, hinauf zu den Gletschern der Anden, vorbei an der Kulisse der 5.000er Gipfel, hinein in das Tal des Mataro und in das alte Reich der Inka. Lesen Sie meine Reportage aus der NZZ

Oh Schreck ein Mensch! Hirsche brauchen im Winter Heu und Ruhe

DSC_0048Hier in der Stadt sind nun auch die Spatzen, Kohlmeisen, Amseln und die anderen Vögel zutraulich. Heute Morgen bin ich an einem Grünspecht vorbei gegangen, der in einem morschen Ast einer Eiche herumstocherte. Er guckt kurz zu mir herunter und pult dann nicht mal drei Meter oberhalb des Wegs weiter nach Futter. Der Grünspecht kann es sich nicht leisten, seine knappen Energieressourcen bei minus 6 Grad Celsius zu verschwenden und davon zu fliegen, wie er es zu milderen Temperaturen sicher machen würde. Der Winter zehrt. Vor kurzem hat mir sogar eine Amsel aus der Hand gepickt. Der Amselmann war offensichtlich so hungrig, dass er es nicht erwarten konnte bis ich die Sonnenblumenkerne unter einen Strauch im Berliner Tiergarten gestreuselt hatte, kam mir entgegen gehüpft und pickte von der Hand.

Die Hirsche sind früher bis ins Flachland gezogen, heute werden sie in den Bergen gefüttert

Der Hunger treibt die Tiere in die Nähe der Menschen. Nicht nur Amseln, auch Füchse, Steinmarder, Eichhörnchen und Hirsche müssen ihre sichere Deckung verlassen und ihre instinktive Scheu vor dem Menschen überwinden. Am Anfang der Woche war ich in den Alpen und durfte einen Jäger begleiten, der die Rothirsche der Gegend im Winter füttert. Da die Hirsche nicht mehr bis ins Flachland ziehen können und dort ihre Nahrung selber finden, müssen sie in den Bergen gefüttert werden. Im Schnee der Berge finden sie nicht genug Gräser und Rinden, um ihren Körper warm zu halten. Ihre Wanderrouten sind von Straßen, Autobahnen und Bahngleisen zerschnitten, Städte, Gewerbegebiete und Äcker bieten auch nicht viel Futter für Hirsche. Also bekommen sie einmal am Tag Heu und Silage und sind doch bald schwach und müde. Ihr Stoffwechsel fährt nun herunter, um Energie zu sparen und den Organismus am Leben zu erhalten.

Aufspringen und fliehen kostet zu viel Energie, um im Frost zu überleben

Die Hirsche brauchen nun Ruhe. Glücklicherweise ist die Jagdsaison nächste Woche zu Ende. Denn die Hirsche können in dieser Jahreszeit schon vor Schreck sterben, wenn sie aufgescheucht werden. Sie liegen im Wald, Stoffwechsel und Herz arbeiten nur noch als Notstromaggregat und – plötzlich kommt ein Mensch durchs Unterholz! Beim Aufspringen und Weglaufen verbraucht der Hirsch zu viel Energie, um später noch Stunden im Frost überleben zu können. Oder der Hirsch bekommt einen Herzinfarkt vor Schreck. Dieses Schicksal teilt der Hirsch mit Hasen, Birkhühnern, Rehen, Eulen und allen anderen Tieren des Waldes. Wenn sie fliehen, verbrauchen sie zu viel Energie und sterben ziemlich sicher sehr bald. Ich gehe deswegen im Winter nicht mehr durch das Unterholz, obwohl es mich dort eigentlich oft hinzieht. An die Menschen auf den Wegen haben sich die Tiere des Waldes nämlich gewöhnt. Sie wissen, dass die Menschen da lang laufen und einen sicheren Abstand wahren.  Vermutlich gucken sie sogar zu, wie wir da spazieren gehen und vielleicht sogar eine Stulle verlieren.

Ich danke Karin Hirl für die Fotos.

Schweinswale als Kollateralschaden der Offshore-Windkraft

Die Schweinswale werden Bundesumweltminister Peter Altmaier und seine Ministerialen noch eine Zeitlang beschäftigen, wie heute in der taz steht. Der geltende Grenzwert, den die Schweinswale angeblilch aushalten, ohne geschädigt zu werden, ist zu hoch. Dabei fällt es den Bauunternehmen äußerst schwer selbst den Grenzwert von 160 dB in 750 Meter Entfernung zur Schallquelle einzuhalten, wie Ingenieure von den Bausetellen berichten. Auf hoher See ist es eben schwieriger zu bauen als auf der Wiese. Vor allem hat Theorie meistens nicht viel mit der Praxis gemein, insbesondere wenn die Praxis der Theorie angepasst werden soll.

Tatsache ist, dass Schweinswale nach deutschem und internationalem Recht eine besonders geschützte Art sind. Dieser Tatbestand passte noch nie zu den politischen Plänen der wechselnden Umweltminister der vergangenen Jahre, doch kann selbst ein Bundesminister nicht einfach den Artenschutz außer Kraft setzen. Haben Altmaiers Vorgänger jedoch, indem sie ihre Offshore-Windenergiepläne erstmal ganz ohne den Schutz des Schweinswals machten. Erst 2008 wurde der Grenzwert für den Schallschutz überhaupt erst eingeführt. Doch genaugenommen verstoßen schon die Störungen durch die Bauarbeiten gegen geltendes Recht. Deswegen wird das Naturschutzgesetz nun soweit gedehnt und interpretiert, bis die Bundesregierung juristisch unangreifbar ist. In den nächsten Wochen muss das Umweltministerium entscheiden: Wie viele Schweinswale hält die Regierung als Kollateralschaden der Offshore-Pläne für gesetzlich vertretbar?

Windkraft treibt den Schweinswal in die Enge

Heute in der taz, die tageszeitung: In Nord- und Ostsee wird es lauter. Mindestens 25 Offshore-Windparks wollen Politik und Unternehmen in die deutschen Gewässer der Allgemeinen Wirtschaftszone (AWZ) bauen. Jeder einzelne Pfeiler der Windräder wird mit Tausend Schlägen und mehr in den Meeresgrund gerammt. Der Rammschall jedoch ist sehr, sehr laut und damit für Meeresbewohner gesundheitsgefährlich oder sogar tödlich. Fische, Wale, Robben und andere Lebewesen werden durch die Energie der Schallwellen verletzt, vertrieben, getötet: Die Arterien reißen, die Tiere haben innere Blutungen, Teile der Flanken reißen aus, sie verlieren ihr Gehör.

Für Schweinswale ist Taubheit tödlich: Sie orientieren sich in den dunklen Gewässern über das Gehör. Schweinswale machen ständig Klicklaute, nehmen das Echo über den Unterkiefer auf und verarbeiten es über das Ohr zu Informationen: Da schwimmt Beute, da ist ein Hindernis, da ein Partner. Hörgeschädigte oder taube Schweinswale haben daher sehr schlechte Überlebenschancen. Vor allem Jungtiere sind in akuter Gefahr. Die Muttertiere müssen zur Jagd auf Beute ihre Jungen allein lassen. Mit Klicks und der  Echolokation finden hörende Schweinswale ihre Jungtiere wieder. Wenn sie taub sind, verliert sich das Kalb im Meer.

Der Rammschall treibt die Schweinswale außerdem in die Enge. Schätzungsweise leben in der Deutschen Bucht mehr als 10.000 Tiere, in der Nordsee insgesamt rechnen Meeresbiologen wie Stefan Bräger vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund mit 300.000 Schweinswalen. Die Schweinswale aus der Deutschen Bucht treffen bei der Vertreibung also überall in den Gewässern der Nordsee auf Artgenossen, die den Lebensraum bereits besetzt haben. In der Ostsee  sind die Lebenschancen des einzigen Wals in deutschen Gewässern wesentlich trüber. „Wenn der Schweinswal in der Ostsee ausgerottet ist, dann ist er für Jahrhunderte unwiederbringlich weg“, sagt Bräger. In der Ostsee leben zwei Schweinswalpopulationen, deren Bestand extrem gefährdet ist. In der Beltsee leben schätzungsweise noch 10.000 Tiere, das sind vermutlich 60 Prozent weniger als vor elf Jahren.  „An Land würde man vom Zusammenbruch des Bestands sprechen“, sagt Bräger. Lebensbedrohlicher ist es für die zweite Population in der zentralen Ostsee hauptsächlich zwischen Deutschland, Schweden und Polen. Nicht mehr als 300 bis 400 Schweinswale haben Stellnetzfischerei, Schwermetalle und andere Umweltgifte wie PCBs und den Lärm von Schiffen und Bauarbeiten überlebt. Da die beiden Ostseepopulationen genetisch unterschiedlich sind, können die Tiere aus den westlichen Gewässern nicht den Verlust in der zentralen Ostsee ausgleichen.

Mehr Energie sparen, weniger subventionieren

In der Energiewende wurden bislang nur die Energieträger gewandelt. So sichern sich Unternehmen die große Rendite. Mit Natur- und Umweltschutz hat das nichts zu tun.

 
Die Aufgabe ist enorm: Die Energieversorgung der viertgrößten Industriegesellschaft der Welt so zu gestalten, dass sie Rohstoffe effizient einsetzt und einspart, dass sie natur- und umweltverträglich arbeitet und durch diesen sparsamen und nachhaltigen Energieeinsatz den Wohlstand erhält. Völlig unabhängig vom Klimawandel und dem daraus folgenden Gebot, CO2 und andere Klimagase einzusparen, ist es unstrittig, dass die Menschheit Rohstoffe in einem Ausmaß verballert, die über die Ressourcen der Erde hinausgehen. Von Washington bis Peking lebt der industrielle Mensch über seine Verhältnisse. Welche desaströsen Auswirkungen das Leben auf Kredit hat, zeigt sich seit der geplatzten Immobilienblase und der daraus folgenden Finanz-, Banken- und Eurokrise deutlich. Dabei geht es in der Finanzkrise nur um Geld.
An die dringend gebotene Neugestaltung der Energieversorgung hat sich jedoch hierzulande bislang niemand heran gewagt. Was uns bislang als „die Energiewende“ präsentiert wird, ist nichts anderes als die Fortsetzung des Systems mit anderem Antrieb. Eine einfache Antwort und die beruhigen ja zunächst. Wo früher Kohle verbrannt wurde, sollen Bäume und andere zur Biomasse degradierten Pflanzen verheizt werden. Benzin wird nicht länger aus Rohöl raffiniert sondern aus Zuckerrohr, Diesel kommt vom Rapsfeld, Erdgas wird mit Gas aus Biomasse-Hochleistungskompostern ersetzt. Kam der Strom bislang aus dem AKW, soll er in Zukunft aus den Windparks zu Wasser und zu Lande fließen, von Solarkraftwerken unterstützt. Riesige Kraftwerke produzieren weiter Strom, den neue Hochspannungstrassen quer durchs Land leiten.

Auch in der Energiewende gilt: Große Systeme für großes Business
Das einzige was bislang in der Energiewende gewandelt wurde, sind die Energieträger. Immerhin – doch das genügt nicht. Zur Lösung der Energiefrage des 21. Jahrhunderts werden bislang dieselben Konzepte herangezogen, die im 20. Jahrhundert das Industrieland Deutschland an die Weltspitze gebracht haben: Große Systeme für großes Business. Viel Energie für viel Rendite ist jedoch keine Strategie für eine zukünftig erfolgreiche Wirtschaft, nicht einmal wenn die Energie aus erneuerbaren Quellen stammt. Für die Energiewende wurde bislang keine umfassende Strategie entwickelt, die alle Aspekte von Bildungspolitik, Biodiversitätsschutz, Demografie und wirtschaftliche Entwicklung miteinbezieht. Es wurden auch keine taktischen Schritte benannt, mit der eine Energiewende erreicht werden soll. Bislang wurden lediglich Ziele formuliert, wie z.B. das Ziel, dass bis 2020 rund 35 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen sollen.

Die Subventionen dienen einzig den Renditezielen von Fonds und Unternehmen

Um dieses politische Ziel zu erreichen, greift die Bundesregierung tief in die Fördertöpfe und subventioniert den Ausbau neuer Anlagen und den Strom aus Wind, Sonne und Biomasse mit Milliarden Euros. Die politischen Ziele sind dank dieser Subventionen in Einklang mit den Renditezielen von Private Equity Fonds, Kapitalanlagegesellschaften und einigen US-Konzernen gekommen, die daher in Deutschland kräftig in die Herstellungsunternehmen von Solarmodulen und in den Bau von Windparkanlagen und Photovoltaikkraftwerken investieren.
Diese neuen großen Player der Energiewende wie die Risikokapital- und Private Equity Ausgründungen sind ebenso wenig grün-alternative Unternehmen für einen ökologisch-nachhaltigen Wirtschaftsstil wie die alten Riesen der Energiekonzerne, die einst mit den Atomkraftsubventionen reich wurden. Die Fonds-Manager haben einfach Renditechancen in einem neuen und hoch subventionierten Markt gewittert und unternehmerisch gehandelt. Das ist ihr Job, doch sie ziehen den Großteil der Subventionsmilliarden aus den Töpfen der Erneuerbare-Energien-Förderung ab und beeilen sich, dass sie das enge Zeitfenster der Förderung bestmöglich nutzen und Subventionen auf ihre Konten lenken.

So kommt zu der mangelnden politischen Strategie, dass auch die wirtschaftlichen Akteure keine Strategie verfolgen, die nachhaltig eine effiziente, ressourcenschonende Energieversorgung aufbaut. In den ausstehenden politischen Auseinandersetzungen über die Ausgestaltung der Subventionen ist daher nicht die Frage entscheidend, wie hoch die Subventionen sind, sondern wie das Geld im Sinne einer ökologisch verträglichen und ökonomisch sinnvollen Energieversorgung eingesetzt wird. Der einfache Teil der Antwort lautet: Energie sparen. Beruhigend ist es sie aber erst dann, wenn Bundesregierung und Opposition samt ihrer wirtschaftlichen Freunde mit Einsparung und Effizienzsteigerung für die Energiewende beginnen.

Der Fuchs und die Chicken Wings

Die Natur zieht in die Stadt, ob der Mensch nun will oder nicht. Damit fallen die Grenzen zwischen Stadt und Land, die Denkbarrieren zwischen Zivilisation und Natur bröckeln.

Mit flinken Läufen, den Blick zielgerichtet, ohne nach links oder rechts zu schauen ist mir gestern wieder der Fuchs vor das Rad gelaufen. Es ist jedes Mal dasselbe: Lautlos taucht er aus dem Dunkel eines Hofeingangs auf, huscht einem Schatten gleich ein paar Meter vor mir über Gehsteig und Fahrradweg, verschwindet kurz zwischen den geparkten Autos, schnürt schnurstracks über die Straße, durch Autos, Fahrräder, Menschen und verschwindet im Hofeingang gegenüber. Seine Erscheinung ist so leicht und geschwind, dass der Fuchs fast unsichtbar erscheint. Mit Sicherheit ist dieser Berliner Stadtfuchs nicht der einzige in meinem Viertel, erst letzte Woche habe ich einen seiner Verwandten rund 1,5 Kilometer entfernt zwischen einem Hinterhof und dem Görlitzer Park in der Dämmerung wechseln sehen. Verständlich, denn tagsüber haben Menschen dort schon wieder gegrillt und die Erfahrung lehrt, dass an solchen Tagen jede Menge Chicken Wings, Bratwürste, Schweinerippchen, Fladenbrote, Tortenstücke und Nudelsalate sich auf dem Rasen und im Gebüsch verteilen. Ein gefundenes Fressen nicht für den Fuchs.

Der Fuchs hat es leichter in der Stadt als in der Natur, denn der Mensch lässt täglich und überall solche Mengen an Nahrung liegen, die der Fuchs draußen in Wald und Wiese mühsam finden und eventuell sogar fangen müsste. Die Attraktion des Futters in der Stadt ist auch offensichtlich deutlich größer als die Angst vor dem Menschen. Letzten Herbst sah ich zwei Jungfüchse sich auf einer Wiese im Berliner Regierungsviertel sonnen, die von drei Straßen eingerahmt war. Schlau, wie Füchse sind, wussten sie, dass die Menschen im Auto ihnen nicht nahe kommen werden. Und falls doch, hätten sie sich in den Stadtwald am Ende der Wiese zurückziehen können.

Denn auch Verstecke, Tagesruheplätze und geeignete Höhlen für die Jungenaufzucht finden die Füchse in der Stadt reichlich. Die Lebensbedingungen in der Stadt sind sogar so gut, dass Füchse dort mit wesentlich weniger Gelände auskommen als auf dem Land und viel kürzere Strecken zurücklegen, haben Forschungen über die Stadtfüchse in Zürich ergeben. Auch der Fuchs lebt also in der Stadt enger mit seinen Artgenossen zusammen, als in der Natur.

Aber was heißt schon Natur? Für den Berliner Stadtfuchs sind Hinterhöfe, Schrebergärten, Sonnenallee und Görlitzer Park genauso Lebensraum, wie das Brandenburger Umland. Der Mensch findet, dass Füchse in die Natur gehören, wenn nicht gar in die Wildnis. Hier Stadt, da Land. Hier Zivilisation, da Wildnis.

Die Natur aber ist überall. Die Grenzen fallen, denn sie stehen der Evolution im Weg. Die Natur verändert sich und das direkt vor unserer Haustür – ob der Mensch nun will oder nicht. Der Fuchs vollbringt eine intellektuelle Meisterleistung, indem er die Lebensgewohnheiten des Menschen erkennt und sich zu eigen macht. Er nutzt die menschlichen Errungenschaften und fängt eben keine Hühner mehr, sondern sammelt Chicken Wings.